Foto: Quallen im Sea Life Scheveningen - 2010 -
oben: Einblicke und Auszüge in verschiedene Texte
Teilweise fertig ausgearbeitet, teilweise noch im Prozess.
( Veröffentlichungen ist möglich, aber nicht vorrangig)
2021 veränderte sich das Leben schlagartig und ich spreche nicht allein von
SARS-CoV-2 das uns alle belastete.
Ich erhielt wundesam ein neues Organ und nahm die Welt fort an ganz neu wahr.
Hierzu verfasste ich ein ganz persönliches Buch, welches ich hier
nun auchzur Ansicht online stellen möchte.
Die Objektarbeit oben zeigt eine handwerkliche Verarbeitung
meiner, sehr gelungenen, Organ-Transplantation ,
für die ich mehr als dankbar bin.
Die großformatige Arbeit (70x 50) ist an antomischen Originalgrößen ausgerichtet.
Die Organe sind handgeschnitzt und mit Kuper überzogen
und haltbar verlötet.
Der Kämpfer in der Mitte ist ein Foto aus dem Work-Out eines mir bekannten Kung Fu Meisters aus Italien und symbolisiert meinen
konzentriert, tänzerischen Überlebens-Kampf.
(Eine Miniatur hiervon hängt in der Uni-Klinik-Köln )
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Der Sprung oben gelang mir wenige Monate nach meiner Organtransplantation im menschenleeren Becken (-: Video - 2021 -
Siggi Anders
Unser rumänischer Hund "Siggi" hat mehr als das Überleben verdient!!!
Er erlebt hier in seiner besonderen, gelassen-aufgeregten Art
lustige und nachdenkliche Begegnungen.
Mit dabei, der türkische Kater "Bulut",
Die vier Hennis der Forschungsstation EI-SS :
"Lady Gaga-Amy Eihaus- Lady D`Ei & Rita Ovar",
sowie einer uralten, weisen Unke und Siggi hat auf das meiste eine helfende Antwort.
(liegt hoffnungsvoll beim Verlag)
Zwei Männer begegnen sich in einem dunklen Krankenzimmer.
Der eine kämpft mit seiner Demenz, der andere mit seinen OP Schmerzen.
In drei langen schlaflosen Nächten entdecken Sie ihre Zuneigung
und schmieden schließlich einen verwegenen Reiseplan.
- 2025 -
Leseproben
Die Geschichten sind Begegnungen mit Klienten, versehen mit Kommentaren und teilweise mit Kurz-Anleitungen
Der Arzt im langen Flur (Nr. 3)
vom anders-sein
Die Geschichte wurde mir anvertraut.
Er war noch nicht lange Arzt. Die ersten Jahre in der Klinik, vieles neu, vieles gleichzeitig. Dienste, Übergaben, Entscheidungen, die schnell getroffen werden mussten. Er arbeitete zuverlässig, lernte viel, war aufmerksam. Nach außen wirkte er ruhig und konzentriert.
Die Flure der Klinik waren lang. Hell, funktional, oft voller Bewegung. Er ging sie unzählige Male am Tag entlang, von Zimmer zu Zimmer, von Aufgabe zu Aufgabe.
Es war ein ständiges Unterwegssein.
Schon früher hatte er immer wieder Rückenprobleme gehabt. Nichts Dramatisches, aber spürbar genug, dass er vorsichtig geworden war. Er ging eher achtsam damit um, manchmal auch ein wenig zurückhaltend, fast vorsichtig in seinen Bewegungen.
Das Skateboard gehörte seinem Sohn. Er hatte ihn dabei beobachtet, wie selbstverständlich er sich darauf bewegte, wie leicht das wirkte, fast spielerisch. Irgendwann hatte er es selbst ausprobiert, zunächst zögerlich, mit einer gewissen Skepsis. Dabei fiel ihm auf, dass sich etwas veränderte. Die Bewegung war nicht starr, nicht haltend. Sie war fließend. Und sein Rücken reagierte darauf anders als erwartet, eher geschmeidig, weniger angespannt.
Eines Morgens nahm er das Skateboard mit in die Klinik, ohne besonderen Plan. Es blieb zunächst im Spind.
Ein paar Tage später, in einem ruhigen Moment, holte er es heraus. Der Flur war leer. Kein Patient, keine Eile, kein unmittelbarer Blick von außen. Er stellte einen Fuß auf das Brett, dann den anderen, stieß sich leicht ab und ließ sich ein Stück tragen.
Es war kein Fahren im eigentlichen Sinne. Eher ein langsames Gleiten. Vorsichtig, fast tastend. Die Bewegung war ruhig, gleichmäßig. Vielleicht war es für ihn ein Moment, in dem sich etwas anders anfühlte. Nicht getragen von Aufgaben, sondern von einer eigenen Bewegung. Ein Gleichgewicht, das sich immer wieder neu einstellte, ohne festgehalten werden zu müssen.
Er begann, es gelegentlich zu wiederholen. Nicht regelmäßig, nicht auffällig. Nur dann, wenn der Flur leer war oder der Moment es zuließ. Es blieb etwas Unaufgeregtes, fast Nebensächliches. Gleichzeitig war es für ihn offenbar mehr als das. Etwas, das er für sich nutzte, ohne es zu benennen.
Einige Kolleginnen und Kollegen bemerkten es. Manche lächelten, vielleicht mit einem gewissen Wohlwollen. Andere reagierten zurückhaltender, irritiert oder leicht skeptisch. Es passte nicht ganz zu dem Bild, das man von einem Arzt in diesem Umfeld hatte. Es wirkte ungewohnt, vielleicht auch ein wenig unpassend im Alltag einer Klinik.
Er selbst machte kein Aufheben darum. Es war kein Thema im Gespräch, keine Erklärung, keine Rechtfertigung. Es geschah einfach, gelegentlich, in diesen Zwischenräumen des Tages.
Mit der Zeit blieb es Teil seines Alltags. Die Arbeit veränderte sich nicht. Die Anforderungen auch nicht. Die Flure blieben lang. Aber es gab diese kurzen Momente dazwischen, in denen etwas anders wurde.
Kommentar:
Die Geschichte des Arztes im langen Flur berührt ein Thema, das im Alltag oft schnell bewertet wird und selten in seiner Tiefe betrachtet wird: das Anderssein. Es erscheint zunächst als Abweichung, als etwas, das nicht ganz passt. Im klinischen Kontext vielleicht sogar als unangemessen. Und doch zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass genau in solchen kleinen Abweichungen ein bedeutsames Potenzial liegen kann.
In vielen Kulturen wird Anderssein ambivalent erlebt. Einerseits dient es der Abgrenzung, der Orientierung und damit auch der Identitätsbildung. Menschen erkennen sich selbst oft erst im Unterschied zu anderen. Andererseits wird Abweichung schnell mit Skepsis betrachtet, insbesondere in strukturierten Systemen wie Kliniken, in denen klare Rollen und Erwartungen vorherrschen. Die Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen in der Geschichte spiegeln genau dieses Spannungsfeld wider: ein Lächeln, ein Kopfschütteln, ein stilles Registrieren.
Interessant ist, dass es kulturelle Kontexte gibt, in denen das Anderssein bewusst gepflegt wird. Im englischen Sprachraum wird dies oft mit dem Begriff „Spleen“ beschrieben. Gemeint ist damit keine bloße Schrulle, sondern eine eigenwillige, persönliche Eigenart, die nicht unbedingt funktional sein muss, aber Ausdruck von Individualität ist. Psychologisch betrachtet kann ein solcher „Spleen“ eine Ressource darstellen. Er schafft einen Raum, in dem sich ein Mensch jenseits von Erwartungen und Rollen erlebt. Studien zeigen, dass solche individuellen Ausdrucksformen mit höherem Wohlbefinden und größerer Flexibilität im Umgang mit Belastungen verbunden sein können¹.
Überträgt man diesen Gedanken auf den Arzt mit dem Skateboard, wird deutlich, dass es hier nicht um das Skateboard an sich geht. Es geht um die Erlaubnis, einen eigenen Zugang zu finden, auch wenn dieser nicht unmittelbar in das bestehende System passt. In der Kreativitätsforschung wird genau dieser Schritt als entscheidend beschrieben: die Fähigkeit, gewohnte Muster zu verlassen und neue Wege zu erproben². Solche Prozesse beginnen selten spektakulär. Sie zeigen sich oft in kleinen, fast unscheinbaren Handlungen, die zunächst nur für die Person selbst Bedeutung haben.
Auch therapeutische Ansätze wie die Gestalttherapie betonen diesen Aspekt. Sie sprechen davon, dass Entwicklung dort entsteht, wo bislang „unerforschte“ Bereiche betreten werden. Das können neue Verhaltensweisen sein, neue Perspektiven oder auch ungewohnte körperliche Erfahrungen³. Das Skateboard im Flur wird in diesem Sinne zu einem kleinen Experimentierraum. Nicht geplant, nicht theoretisch begründet, sondern praktisch erfahren.
Neurobiologisch lässt sich dies ebenfalls einordnen. Neue, ungewohnte Bewegungen und Verhaltensweisen aktivieren andere Netzwerke im Gehirn und fördern die sogenannte neuronale Plastizität⁴. Gerade bei wiederkehrenden Belastungen oder starren Mustern kann dies dazu beitragen, neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. Dabei geht es nicht um große Veränderungen, sondern um minimale Abweichungen, die neue Erfahrungen ermöglichen.
Schließlich lässt sich auch ein Bezug zur Resilienzforschung herstellen. Resilienz entsteht nicht nur durch Anpassung an bestehende Anforderungen, sondern auch durch die Fähigkeit, eigene Wege zu entwickeln. Individuelle Strategien, die nicht normiert sind, können dabei eine wichtige Rolle spielen. Studien zeigen, dass persönliche Sinnquellen, Selbstwirksamkeitserleben und kreative Ausdrucksformen zentrale Schutzfaktoren darstellen⁵.
Vor diesem Hintergrund erscheint das Verhalten des Arztes in einem anderen Licht.
Es ist keine bloße Abweichung, keine „Unart“, sondern eine Form von Selbstregulation, die sich ihren eigenen Weg sucht. Von außen betrachtet mag sie ungewöhnlich wirken. Für ihn selbst scheint sie stimmig zu sein.
Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Punkt. Anderssein ist nicht per se positiv oder negativ. Es bekommt seine Bedeutung im Kontext und in der Funktion, die es für den Einzelnen erfüllt. In einer Welt, die stark von Erwartungen und Rollen geprägt ist, können solche kleinen Abweichungen Räume öffnen. Räume, in denen Bewegung möglich wird, wo zuvor nur Halten war.
Und manchmal beginnt genau dort etwas, das sich später als bedeutsam erweist.
Quellen
¹ James, W. (1902). The Varieties of Religious Experience. (frühe Beschreibung individueller Eigenarten als Ressource)
² Runco, M. A. (2004). Creativity. Annual Review of Psychology
³ Perls, F. (1969). Gestalt Therapy Verbatim.
⁴ Doidge, N. (2007). The Brain That Changes Itself.
⁵ Masten, A. S. (2014). Ordinary Magic: Resilience in Development.
Leseprobe
Nr. 7
Das atmende Kuscheltier
Angst zeigt sich bei Kindern oft nicht in großen Szenen, sondern in kleinen Alltagssituationen. Sie zeigt sich morgens in der Sorge, die Busfahrkarte nicht parat zu haben, im Unterricht in der Hemmung, auf eine Frage zu antworten, und allgemein in einer inneren Anspannung, die einfache Dinge erschwert. Mit einer solchen Problematik wurde mir ein kleines Mädchen im ersten Schuljahr vorgestellt, das mit seinem Vater und seinem Bruder in die Praxis kam. Die Familie stammt aus Aserbaidschan, ist gut integriert, der Vater ist Ingenieur und sprach sehr klar über seine Beobachtungen. Er berichtete, dass seine Tochter morgens oft angespannt sei, Angst habe, ihre Busfahrkarte nicht rechtzeitig zu finden, und im Unterricht gehemmt reagiere, wenn sie angesprochen werde. Er schilderte Versagensängste und erwähnte auch ein eigenes ADHS-Syndrom. Das Mädchen selbst war freundlich, aufmerksam und ruhig, zugleich aber deutlich gehemmt und in sich angespannt.
Um den Kontakt aufzunehmen, fragte ich sie nach ihrem neuen Kuscheltier und nach dessen Namen. Schon bei dieser einfachen Frage war zu spüren, dass sie die Situation wie eine kleine Prüfung erlebte. Sie sah mich mit großen Augen an, konnte aber den Namen nicht sagen. Es wirkte nicht so, als wüsste sie ihn nicht, sondern eher so, als sei der Zugang unter der Spannung blockiert. Ich ließ das Thema deshalb zunächst beiseite und untersuchte sie körperlich. Dabei machte sie einen gesunden und stabilen Eindruck. Sie berichtete gelegentlich über Kopfschmerzen und Kopfdruck. Das passte zu dem Bild eines Kindes, das innere Anspannung auch körperlich trägt.
Ich entschied mich dann für eine einfache Embodiment-Übung. Zunächst nahm ich ihren Körper mit sanften und respektvollen Berührungen von den Füßen aufwärts wahr: über Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, Becken, Bauch, Brust, Schultern, Arme, Hände bis zum Kopf. Teilweise ließ ich sie die Körperteile benennen, um zu merken, wie gut ihr Körperschema bereits entwickelt war. Das gelang ihr gut. Danach schloss sie die Augen, und ich arbeitete mit etwas deutlicherem Druck weiter, damit sie die Form ihres Körpers besser innerlich nachvollziehen konnte. Ich gab ihr die Vorstellung, sie liege an einem warmen Strand und könne ihren Körper im Sand spüren. Ich bewegte ihre Arme und Beine leicht, schaukelte sie etwas, rollte sie behutsam hin und her und ließ sie immer wieder ihre Mitte finden. Dann brachte ich ihren Körper absichtlich etwas aus der Achse, machte gewissermaßen ein C aus ihr, und forderte sie auf, selbst wieder in ihre Mittellinie zurückzufinden. Nach einigen Wiederholungen gelang ihr das zunehmend sicherer. Man konnte merken, dass sie innerlich mehr mitging und sich besser organisierte.
Im nächsten Schritt arbeitete ich mit der Atmung. Über meine Hände machte ich ihr verschiedene Atemräume bewusst: das eher hohe Atmen nach oben zu den Schultern, das Atmen in die Brust und das tiefere Atmen in den Bauch. Sie atmete ruhig mit. Dabei veränderte sich ihr Zustand nach und nach. Die Spannung im Gesicht ließ etwas nach, der Kiefer wurde lockerer, und an den feinen Augenbewegungen unter den geschlossenen Lidern war zu sehen, dass sie in eine tiefere Entspannung kam. In diesem Zustand gab ich ihr eine kleine Aufgabe, ohne Druck und ohne jede Prüfungssituation. Ich sagte ihr, sie solle einmal ein- und ausatmen, dann noch einmal ruhig ein- und ausatmen, und mit der nächsten Ausatmung den Namen ihres Kuscheltiers sagen. Genau das tat sie dann auch. Sie atmete aus, und der Name kam plötzlich fließend und selbstverständlich.
Das war therapeutisch ein einfacher, aber sehr klarer Moment. Das Kind hatte nicht etwas Neues gelernt, sondern erfahren, dass der Zugang zu etwas bereits Vorhandenem wieder möglich wird, wenn sich die innere Anspannung löst. Ich erklärte ihr das in einfacher Form. Wenn sie in der Schule unter Druck gerate, vor der Tafel sitze oder morgens nervös werde, weil sie ihre Busfahrkarte nicht finde, könne sie einmal tief ein- und ausatmen und dann noch einmal. Und manchmal komme mit der Ausatmung auch das wieder, was vorher wie verschwunden gewesen sei: die Erinnerung, die Antwort oder der nächste Schritt. Diese Erfahrung verankerte ich zusätzlich über eine Berührung am Handgelenk. Wenn sie später an diese Stelle denke oder dort ihr Handgelenk berühre, könne sie sich an diesen Zustand erinnern und die Atmung wieder einsetzen. Das Kuscheltier wurde damit zu einem inneren Bezugspunkt, nicht nur als tröstendes Objekt, sondern als Erinnerung an einen gelungenen Zugang zu sich selbst.
Wichtig war mir zugleich, ihr zu vermitteln, dass nicht immer alles sofort gelingen muss. Manchmal weiß man etwas tatsächlich nicht. Dann ist das kein Versagen, sondern einfach so. Dann braucht es einen Plan B. Dann kann man andere Kinder fragen, ob sie die Aufgabe verstanden haben, und vielleicht merkt man, dass mehrere Kinder ebenfalls unsicher sind. Oder man fragt später noch einmal die Lehrerin. Auch das gehört zur Bewältigung: nicht nur die Selbstregulation über Atmung und Körperwahrnehmung, sondern auch die Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen und Unsicherheit nicht als persönliches Scheitern zu erleben.
Für mich ist das eine einfache und wichtige Lehrgeschichte. Sie zeigt, wie schnell Kinder unter Stress geraten und wie dadurch etwas blockiert werden kann, das eigentlich vorhanden ist. Sie zeigt aber auch, dass es Wege gibt, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Die Atmung ist dabei etwas sehr Einfaches und immer Verfügbares. Sie hilft, sich zu ordnen und in den Augenblick zurückzufinden. Das gilt nicht nur für Kinder. Auch Erwachsene kennen solche Situationen, in denen sie unter Druck geraten und den Zugang zu dem verlieren, was sie eigentlich wissen oder können. Dann braucht es oft keine große Erklärung, sondern eine einfache Erfahrung. Dieses Mädchen hat an jenem Tag nicht nur den Namen ihres Kuscheltiers wiedergefunden. Sie hat erlebt, dass es einen Weg aus der Anspannung gibt, über den Körper, über die Mitte und über die Atmung.
Kommentar:
Die geschilderte Situation zeigt in verdichteter Form, wie sich Angst bei Kindern auswirken kann. Auffällig ist, dass die Schwierigkeit nicht im Wissen selbst liegt, sondern im Zugang dazu.
Das Mädchen wusste den Namen ihres Kuscheltiers. In der angespannten Situation war dieser Zugang jedoch blockiert. Ähnliche Muster beschreibt der Vater auch aus dem Alltag, etwa morgens bei der Busfahrkarte oder im Unterricht, wenn sie unter Druck nicht sprechen kann.
Die gewählte Vorgehensweise setzt genau an diesem Punkt an, ohne das Problem direkt zu thematisieren. Über die Körperarbeit wird zunächst eine Grundlage geschaffen, auf der das Kind sich wieder spüren kann. Die langsame, klare Wahrnehmung des eigenen Körpers, das Finden der Mitte und die Orientierung im Raum führen dazu, dass sich die innere Anspannung reduziert, ohne dass dies aktiv eingefordert wird.
Die Arbeit mit der Atmung vertieft diesen Prozess. Der Atem wird nicht erklärt, sondern erfahrbar gemacht. Durch die verschiedenen Atemräume und den ruhigen Rhythmus entsteht eine Form von innerer Ordnung. In diesem Zustand wird deutlich, dass das zuvor Blockierte nicht verschwunden ist, sondern wieder zugänglich wird, sobald sich die Spannung löst.
Das Kuscheltier bekommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Es ist nicht nur ein vertrauter Gegenstand, sondern wird zu einem Bezugspunkt, der das Erleben verbindet. Einerseits steht es für Sicherheit und Vertrautheit, andererseits wird es mit der Erfahrung verknüpft, dass etwas Gelungenes möglich ist. Damit entsteht eine Brücke zwischen Alltagssituationen und der hier gemachten Erfahrung.
Wesentlich ist, dass das Kind diese Erfahrung selbst macht. Es wird nichts abgefragt, nichts geprüft. Der Moment, in dem der Name des Kuscheltiers wieder ausgesprochen werden kann, entsteht aus dem Zustand heraus. Dadurch erhält er eine andere Qualität.
Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um das Wiederfinden eines Zugangs.
Die kleine Aufgabe für den Alltag knüpft genau daran an. Die Atmung wird als etwas Einfaches und jederzeit Verfügbares angeboten. Sie dient nicht als Technik im engeren Sinne, sondern als Möglichkeit, sich in angespannten Situationen wieder zu orientieren. Ergänzt wird dies durch den Hinweis, dass nicht alles gelingen muss und dass auch das Einholen von Unterstützung ein Teil von Bewältigung ist.
Insgesamt zeigt sich hier ein einfacher, aber wirkungsvoller Zusammenhang:
Unter Anspannung kann der Zugang zu vorhandenen Fähigkeiten eingeschränkt sein. Über Körperwahrnehmung und Atmung kann sich diese Anspannung lösen, wodurch der Zugang wieder möglich wird.
Das Kuscheltier unterstützt diesen Prozess als vertrauter Anker, der die Erfahrung trägt und im Alltag wieder aufgerufen werden kann.
Bild oben: Entwurf zum Bindungsthema
Fallbeispiel Noah (Ausschnitt)
Ein Bindungsproblem?
Ich erinnere mich an einen Termin mit einem jungen Paar. Beide bei der Bundeswehr, beide angespannt, noch bevor wir richtig begonnen hatten. Es war weniger das Kind, das zuerst im Raum stand, sondern die Frage, ob dieser Termin Spuren hinterlassen könnte. Ein Eintrag, eine Akte, etwas, das bleibt.
Sie setzten sich. Vorsichtig, nicht körperlich, eher innerlich. Noah war bei ihnen und wich nicht von der Seite der Mutter. Er suchte den Kontakt, hielt sich fest, ließ sich kaum lösen. Jede kleine Bewegung von ihr wurde sofort registriert. Wenn sie sich nur leicht veränderte, war er schon wieder bei ihr. Die Eltern beschrieben das als ihr eigentliches Problem. Das Kind lasse sie nicht los.
Ich hörte zu, fragte nach, zunächst ohne Richtung. Es blieb bei diesem Bild.
Ein Kind, das festhält.
Im Gespräch verschob sich etwas. Zögernd, fast nebenbei, kamen Hinweise auf ihre eigene Situation. Die Mutter hatte eine depressive Phase hinter sich, nicht dokumentiert, etwas, das noch mitlief. Der Vater sprach von Belastung im Dienst. Beide warteten auf eine Versetzung, weg vom Fliegerhorst, weg aus der aktuellen Situation, hin zu etwas, das sie ruhiger nannten, ohne es genauer zu fassen.
Während sie erzählten, blieb Noah eng an der Mutter. Unverändert.
Ich nahm Kontakt zu ihm auf, vorsichtig, ohne ihn direkt zu lösen. Es dauerte einen Moment, dann ließ er sich darauf ein. Wir kamen ins Spiel, einfach, klar. Er war aufmerksam, reagierte,
Kommentar – Bindung und Lebenssituation
Wenn man solche Situationen erlebt, wird schnell deutlich, dass Bindung nicht etwas ist, das ein Kind einfach „hat“. Sie entsteht immer dort, wo ein Kind und seine Bezugspersonen aufeinandertreffen. Es ist ein Geschehen zwischen ihnen, etwas, das sich im Kontakt entwickelt, im Alltag, in den kleinen Momenten, in denen Nähe möglich ist oder eben auch nicht.
Das Verhalten eines Kindes lässt sich deshalb kaum isoliert betrachten. Es steht immer in Beziehung zu dem, was ihm gegenübertritt – zur Verlässlichkeit, zur inneren Ruhe oder Unruhe der Eltern, zu dem, was diese selbst gerade tragen können oder eben nicht. In stabileren Situationen findet ein Kind meist eine Form, sich zu orientieren. Es kann sich lösen, wieder zurückkehren, sich verunsichern lassen und sich auch wieder beruhigen. Dort ist etwas vorhanden, worauf es sich beziehen kann.
Wenn diese Verlässlichkeit eingeschränkt ist, entstehen andere Formen. Manche Kinder ziehen sich eher zurück, wirken früh unabhängig, fast unbeteiligt. Andere suchen die Nähe intensiver, halten fest, kommen schwer zur Ruhe. Beides sind keine festen Eigenschaften, sondern Versuche, mit einer Situation umzugehen, die nicht eindeutig ist. Und dort, wo das, was Halt geben sollte, selbst unsicher oder widersprüchlich wird, zeigt sich das oft auch im Verhalten des Kindes. Nähe und Irritation liegen dann eng beieinander, und eine klare Orientierung fehlt.
In diesem Zusammenhang wird etwas wichtig, das man in der psychotherapeutischen Arbeit als Containment bezeichnet. Gemeint ist damit die Fähigkeit, innere Zustände eines anderen Menschen – in diesem Fall eines Kindes – aufzunehmen, zu halten und in einer verarbeitbaren Form wieder zurückzugeben. Man könnte auch sagen: Es geht darum, einen inneren Raum zur Verfügung zu stellen, einen Container, in dem Gefühle zunächst sein dürfen, ohne dass sie sofort geordnet sein müssen.
Ein Kind erlebt seine Gefühle nicht sortiert. Ärger, Wut, Angst, Verlassenheitsgefühle treten oft gleichzeitig und ungefiltert auf. Sie sind nicht falsch, sie sind zunächst einfach da. Erst in der Beziehung bekommen sie eine Form. Wenn Bezugspersonen diese Zustände wahrnehmen, sie aushalten und dem Kind in einer ruhigen, verlässlichen Weise zurückspiegeln, entsteht die Erfahrung, dass diese Gefühle tragbar sind. Dass sie nicht verschwinden müssen, aber auch nicht überwältigen.
Aus dieser Erfahrung entwickelt sich nach und nach die Fähigkeit zur Selbstregulation. Das Kind lernt nicht über Erklärung, sondern über das Erleben von Gehaltensein.
Wenn dieses Containment fehlt, wenn Gefühle keinen Platz finden, übergangen oder abgewehrt werden, bleiben sie oft in einer rohen, unverbundenen Form bestehen. Das Kind muss dann eigene Wege finden, damit umzugehen. Das kann sich im Rückzug zeigen, im Anklammern oder auch in widersprüchlichen Reaktionen. Nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Antwort auf etwas, das keinen Halt gefunden hat.
Im beschriebenen Fall wurde zunächst das Verhalten des Kindes als problematisch wahrgenommen. Das Anklammern stand im Vordergrund. Erst im Verlauf wurde deutlicher, dass die Lebenssituation der Eltern selbst von Unsicherheit geprägt war. Eine Phase, in der sie stark mit sich selbst beschäftigt waren, mit Belastung, mit offenen Fragen, mit dem Versuch, wieder zu einer gewissen Stabilität zu finden.
In solchen Situationen wird es verständlicherweise schwieriger, die Gefühle eines Kindes aufzunehmen und zu halten. Nicht aus Mangel an Zuwendung, sondern weil die eigenen Ressourcen gebunden sind. Unruhe, Anspannung oder auch eine gewisse innere Abwesenheit wirken dann in die Beziehung hinein. Das Kind reagiert darauf. Es orientiert sich an dem, was da ist. Es hält fest, wo wenig Halt spürbar ist.
In diesem Sinne erscheint ein Kind in solchen Momenten weniger als Ursache, sondern eher als der Ort, an dem etwas sichtbar wird. Für Eltern kann es entlastend sein, das zu verstehen. Nicht im Sinne einer Schuldzuweisung, sondern als Möglichkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Wenn sich die Lebensumstände verändern, wenn mehr Ruhe, Klarheit und Verlässlichkeit entstehen, verändert sich häufig auch das Verhalten des Kindes. Gleichzeitig bleibt die Erfahrung bestehen. Kinder nehmen diese frühen Formen des Miteinanders mit. Was sich zunächst als Anpassung zeigt, kann sich über die Zeit zu einer stabileren Art entwickeln, mit Beziehungen umzugehen. Umso wichtiger ist es, solche Situationen früh wahrzunehmen und nicht vorschnell festzulegen, sondern Spielräume zu eröffnen.
Bindung ist in diesem Sinne nichts Starres. Sie entwickelt sich in Beziehung, und sie bleibt veränderbar. Dort, wo wieder Halt entsteht – dort, wo Containment möglich wird – kann sich auch das, was zuvor unsicher war, neu ordnen.
Bild -Objekt-Collage Mallorca - 2016 -
Der Streicher
Im Urlaub auf Mallorca erstand ich günstig eine kleine Figur, gebogen aus Teilen einer alten Gabel, schlicht und kunstfertig, auf einem schmalen Sockel stehend, mit einer Geige in der Hand. Sie war kaum größer als meine Handfläche, und ich nahm sie mit auf unsere Wege. Auf Ausflügen stellte ich sie an unterschiedlichen Orten ab und fotografierte sie. Zu diesen Bildern schrieb ich jeweils kurze Texte. So entstanden Bild und Gedicht als eine Art Collage, aus der sich nach und nach diese Sammlung entwickelte. Ich habe sie Reisegedichte genannt.
" Streicher Bild -Variationen "
Auszug
Von stinkenden Füßen und der Leichtigkeit des Seins
Wir schreiben das Jahr 2024. Drei Jahre nach dem Beginn der großen Pandemie.
Eine Zeit, die nachhallt.
Die Politik versucht aufzuarbeiten. Kommissionen tagen, Fehler werden benannt, Zukunftsversprechen formuliert. Und währenddessen zeigt sich im Alltag eine leise, aber spürbare Verschiebung: Antworten dauern länger. Handwerker sind kaum zu bekommen. Arzttermine wirken wie Lottogewinne.
Der Ton wird rauer. Die Jugend erscheint erschöpft. Depressionen und eine diffuse Unruhe rücken näher.
Gleichzeitig läuft alles weiter. Urlaubswellen rollen an. Influencer lächeln vor tropischen Kulissen. Künstliche Intelligenz beantwortet geschmeidig unsere Fragen. Und doch liegt über allem ein kaum greifbarer Schleier – eine Mischung aus Müdigkeit und Beschleunigung.
Was hat das mit uns zu tun? Mit unserem inneren Erleben? Mit unserem Körper? Und was, um alles in der Welt, haben stinkende Füße damit zu tun?
„Es gibt keine dummen Fragen“, sagte einmal ein Professor zu mir. „Dumm ist nur, nicht zu fragen.“
Füße sind ein Teil unseres Körpers. Und doch sprechen wir über sie, als gehörten sie nicht wirklich zu uns. Schon in der Kindheit lernen wir spielerisch, dass dieses Körperteil etwas Peinliches hat. Es wird gerieben, belacht, übertrieben verachtet.
Harmlos? Vielleicht. Oder ist es der Beginn einer stillen Abspaltung?
Als Körpertherapeut und Psychologe höre ich oft Sätze wie: „Füße sind etwas Schreckliches.“ Als hätten sie ein Eigenleben. Als seien sie nicht Teil derselben Person, die denkt, fühlt und liebt.
Wir betrachten den Körper gern wie eine Maschine, die funktionieren soll. Und wenn sie nicht funktioniert, gibt es ja die Medizin. Der Verstand übernimmt. Er analysiert, plant, optimiert. Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich.
Aber sind wir wirklich nur das, was wir denken?
Ein Fuß ist ein Fuß ist ein Fuß. Standfläche. Gewölbe. Gleichgewicht.
26 Knochen, in einer hochkomplexen Architektur angeordnet, tragen uns durch die Welt. Der Fuß spürt den Boden, registriert Unsicherheit und gleicht aus. Er ist Kontaktorgan. Anfang und Ende jeder Bewegung. Unsere unmittelbare Verbindung zur Erde.
Der Körper ist kein Anhängsel des Verstandes. Der Verstand ist ein später Kommentator körperlicher Wirklichkeit.
Haltung beeinflusst Stimmung. Muskelspannung formt Entscheidung. Atmung verändert Bewusstsein. Die Schwerkraft schreibt mit an unserer Haltung.
Angst sitzt in der Brust. Wut spannt den Kiefer. Überforderung drückt die Schultern. Und ein ehrliches Lachen löst das Zwerchfell.
Der Körper lügt nicht.
Vielleicht beginnt an den Rändern unseres Selbst und dort unten am Körper ein leiser Zugang.
Dort, wo wir uns nicht so wichtig nehmen. Dort, wo etwas Unscheinbares wieder in den Blick kommt.
Zum Beispiel bei den Füßen.