Pitstop- Begegnungen
Mein Leben ist geprägt von Begegnungen.
Gesuchten und ungeplanten.
Leichten und schwierigen.
Sie haben etwas hinterlassen und mich verändert.
Ich habe viele interessante Menschen kennenlernen dürfen.
Für kurze Momente oder längere Strecken.
Mit ihnen gelernt, gerungen, getragen. Vieles habe ich erst später verstanden.
Vielleicht ist daraus u.a. mein Weg zur Kommunikationspsychologie entstanden.
Nicht als Konzept, sondern aus Erfahrung.
Begegnung ist nichts Besonderes. Jeder erlebt sie.
Ich habe nur gelernt, sie zu schätzen.
Vor allem diesen ersten Moment, in dem man sich noch nicht kennt. Unvoreingenommen, ohne Urteil...
Diese Spannung habe ich oft als etwas sehr Klares und Lebendiges erlebt.
Das Fremde hat mir dabei nie Angst gemacht.
Begegnung meint für mich mehr als Menschen.
Auch Tiere, Situationen, Dinge und innere Bilder gehören dazu.
Und die Arbeit mit Klientinnen und Klienten, in der Lernen selten einseitig ist.
Eher ein stilles Wechselspiel, das Spuren auf beiden Seiten hinterlässt.
Das Bild daneben ist ein Pitstop. Frühe Zwanziger.
Eine Zeit, in der ich vieles noch nicht wusste.
Manchmal überheblich, manchmal zu wenig nachdenklich.
Dinge passieren. Man bricht. Man steht wieder auf.
Früher habe ich gesammelt. Heute nicht mehr. Keine Dinge. Ich sammle Begegnungen. Und das genügt mir.
Foto oben: "Pitstop" Installation - 1980 -
Bruder Feuer
Es sind die späten achtziger Jahre. Ich arbeite als junger Physiotherapeut im Theodor-Fliedner-Werk und begleite eine Behindertenfreizeit in Nordspanien, nahe Rosas bei Empuriabrava. Es ist eine besondere Zeit – offen, lebendig, ein wenig experimentell. Wir sind unterwegs, auch innerlich.
Nach Abschluss der Freizeit bleiben mir noch drei Wochen. Ich fahre weiter per Anhalter über die Côte d’Azur nach Italien, nach Umbrien, nach Perugia, wo zu dieser Zeit das Jazzfestival stattfindet. Mich zieht es jedoch weiter nach Assisi.
Ich habe „Bruder Feuer“ von Luise Rinser gelesen. Die Figur des Franz von Assisi lässt mich nicht los. Dieses Loslösen, diese Einfachheit und diese besondere Nähe zur Welt beschäftigen mich, ohne dass ich es greifen kann.
An einem frühen Vormittag komme ich in Assisi an und betrete die Kathedrale allein. Der Raum ist kühl und weit, Schritte hallen nach, und das Licht fällt durch die Kirchenfenster in den Raum, weich gefiltert, in ruhigen Farben. Es legt sich auf Boden und Wände, ohne sich aufzudrängen. In der Luft liegt ein Geruch aus Stein, Wachs und gelebter Zeit. Es ist still, ein Schweigen, das nicht leer ist, sondern trägt.
Ich gehe langsam und nehme wahr, wie sich Geräusche verlieren und wie sich der Raum öffnet.
Dann kommt Bewegung in diese Ruhe. Eine kleine Gruppe tritt ein, begleitet von einem Franziskanerpater. Er spricht zu ihnen, ruhig und gesammelt – eine Abschlusspredigt für diese kleine Reisegruppe. Ich gehe an ihm vorbei und bleibe stehen. Oder etwas hält mich an. Ich stehe neben ihm. Er spricht weiter und legt mir dabei die Hand auf die Schulter. Die Berührung ist klar, nicht fest, nicht suchend, ein einfaches Aufliegen.
Und während er seine Predigt fortsetzt, bleibt die Hand dort – ohne Veränderung,
ohne Betonung. Ich nehme sie wahr, nicht nur als Geste, sondern als Kontakt, der mich erreicht, ohne etwas von mir zu verlangen.
Pater Paul. Wir kennen uns noch nicht, und doch ist in diesem Moment etwas da.
In mir mischt sich vieles: Irritation, Neugier, ein inneres Aufbegehren, als wollte ich widersprechen, und zugleich eine stille Freude an dieser Nähe.
Ich bleibe stehen, während er spricht. Als die Gruppe sich schließlich löst, nimmt er die Hand zurück. Er sieht mich an, ohne eigentlichen Beginn, eher wie ein Weitergehen, und wir kommen ins Gespräch. Zunächst tastend, dann offener, gehen wir gemeinsam durch einen Seitengang, eine Treppe hinauf, hinaus ins Freie.
Oben auf den Zinnen bleiben wir stehen. Die Luft ist anders, weiter, bewegter.
Unter uns liegt die umbrische Landschaft in weichen, warmen Pastelltönen.
Hügel ziehen sich ineinander, Linien verlaufen ohne harte Brüche, dazwischen immer wieder Farbflächen, lebendig, fast leuchtend und doch ruhig.
Es ist eine Landschaft, die auf Bildern leicht kitschig wirken könnte, es aber nicht ist. Wir lehnen uns an den Stein und sprechen weiter.
Es geht um Freiheit. Ich erzähle von der Behindertenfreizeit, von diesen Wochen, die ich später, in Anlehnung an Hans Magnus Enzensberger,
„den kurzen Sommer der Anarchie“ nennen werde. Es waren Unternehmungen, die sonst minutiös durchgeplant wurden, mit vielen Betreuern und klaren Abläufen.
Wir waren nur eine Handvoll Begleiter in einem vollen Reisebus mit Menschen, deren Einschränkungen ganz unterschiedlich waren – von geistig bis körperlich.
Und dennoch haben wir Dinge erlebt, die über das Übliche hinausgingen: das tägliche, autonome Frühstück in der benachbarten Bodega, Ausflüge, ein turbulenter Besuch im Spaßbad und eine Schaumparty in einer Diskothek.
Wir waren alle dort, auch die Rollstuhlfahrer. Selbst ein Epileptiker war dabei, trotz der Lichtblitze, die durch den Raum gingen. Es war nicht ohne Risiko, und doch ging er mit. Und es ging gut.
Ich erzähle das, weil ich spüre, dass darin etwas liegt, das ich damals noch nicht ganz fassen konnte. Dass Freiheit vielleicht nicht darin besteht, alles abzusichern, sondern darin, Räume zu öffnen, in denen etwas möglich wird. Ich spreche davon, dass Behinderung nicht nur im Körper liegt, sondern oft in den Köpfen der anderen entsteht, in den Grenzen, die gesetzt werden, bevor überhaupt etwas versucht wird.
Er hört zu, ruhig und aufmerksam.
Ich erzähle weiter von der Zeit, in der ich vor dem Studium in der Psychiatrie arbeitete, von den Nächten und den Akten, und von den siebziger Jahren in Italien, in denen die großen psychiatrischen Anstalten geöffnet wurden – ein Schritt, der in Europa so einzigartig war. Diese Öffnung war mehr als eine Reform.
Sie war ein Versuch, Freiheit neu zu denken, nicht als Wegsperren sondern als Teilhabe.
Freiheit ist ein Wort, das ich benutze, ohne es greifen zu können. Er wartet einen Moment und stellt dann eine Frage: „Und Wen befreist du, wenn du Freiheit gibst?“
Die Frage steht im Raum. Ich antworte nicht sofort. Ich spüre eher, wie sich etwas verschiebt, und spreche vom Loslösen, das mich beschäftigt, vom Wunsch, mich zu lösen, und davon, wie weit ich davon entfernt bin. Er lässt es stehen.
Als wir wieder hinuntergehen, ist nichts entschieden, und doch ist etwas in Bewegung geraten. Die Frage bleibt, leise, und begleitet mich weiter.
Viele Jahre später sehe ich ihn wieder. In einer Fernsehsendung, in einem Interview.
Ein älterer Mann in brauner Kutte – Pater Paul. Ich erkenne das Gesicht sofort, vertraut trotz der Jahre, und rufe Mela, meine Frau, schnell dazu, um ihn ihr zu zeigen. Ich bin aufgeregt, ihn wiederzusehen. Er spricht über das Leben, vielleicht auch über Freiheit, ich weiß es nicht mehr genau. Aber die Berührung ist wieder da, die Hand auf meiner Schulter, und ich spüre, dass dieser Moment geblieben ist.
Und in anderen Jahren bin ich immer wieder in Italien unterwegs, weiter im Süden, bis nach Kalabrien. Ich erlebe dort Feste, große, kraftvolle Zusammenkünfte, in denen Wind, Feuer, Wasser und Erde eine spürbare Rolle spielen. Vulkane, Hitze, Bewegung, das Rauschen der Luft – alles ist gegenwärtig. Diese Nähe zu den Elementen, diese Verwurzelung in einer gelebten Naturverbundenheit erinnert mich an den Sonnengesang des Franz von Assisi, in dem genau diese Kräfte angesprochen werden.
Vielleicht ist es diese Verbindung von Mensch, Natur und Freiheit, die mich immer wieder anzieht, ohne dass ich sie vollständig benennen kann.
Jahre später arbeite ich als Osteopath, mit den Händen, als Handwerker und Embodiment-Theapeut mit einem geschulten, feinen Tastempfinden. Und ich beginne zu verstehen, dass die Kunst der Hand nicht nur in der Berührung liegt, sondern ebenso im Loslassen. Dass jede Berührung einen Rhythmus hat, ein Geben und ein Nehmen, einen Austausch. Kein einseitiges Tun, kein Versorgen von oben, sondern ein lebendiges Miteinander, das sich im Kontakt entwickelt. Vielleicht hat es damals begonnen, ohne dass ich es wusste.
Ich denke an meinen Namen.
An den Fels und die Freiheit.
Und etwas in mir wird still und tief berührt.
Foto oben: Ibiza - Formentera
"7 miles out " - 2015 -
"Wenn Du lebts...
Kaufe Dir ein Fahrrad.
Du wirst es nicht bereuen"
- Mark Twain -
Bild unten.
"Ein Rad für unsere Gesundheit"
Objekt im Buchentwurf Resilienz - 2021 -
"Quo Vadis"
"Wohin führt uns der Weg?
Collage - 1977 - im Schülerwettbewerb.
Zu dieser Zeit gab es noch keine Handys oder soziale Medien.
PC`s wurden in der Schule nicht gebraucht.
Meine attraktive Kunstlehrerin Frau Dr. Schley bezeichnete diese Vision aus collagierten Alltagsgegenständen als sehr gelungen und sie wurde im langen Gang
zum Lehrezimmer ausgestellt (-;
Ich habe Sie aus der Erinnerung hier mit großem Spaß ,
sehr nah am Original, nachgebaut.
Quando l’anima è in disaccordo, chiudi una bottiglia;
quando si accorda al mondo, aprine una.
Wenn die Seele im Widerklang ist, schließe eine Flasche;
wenn sie sich mit der Welt in Einklang bringt, öffne eine.
Installation im Urlaub in Kalabrien -
- 2015 Pedro -
Projektarbeit:
"Roadmap der Resilienz"
- 2021 -
Projektarbeit Cranium - 1999-
Einer meiner " didaktischen Schädel "
selbst gestaltet und bis heute
trotz einiger Stürze ein treuer Begleiter.
Beitrag eines Wettbewerbes vom Berufsverband VOD/BAO
" Ich bin Osteopath, weil.... "
- 2012 -
" Haltung "
Terry lerne ich in seiner Mittagspause beim Kung Fu Work- Out
an einem Pier in Ligurien kennen.
Er erlaubt mir eine beindruckende Fotostrecke seiner
inspirierenden Kunstfertigkeiten.
Ligurien - 2003 -
Objekt: Animation aus Gartengegenständen :
" Glücks-Moment" Pedro 2012
Heidelberg, Hintertür
Des Knaben Wunderhorn
In jener Zeit, als ich meine psychologische Ausbildung in Heidelberg absolvierte, war ich über zwei Jahre hinweg in regelmäßigen Abständen dort, meist für mehrere Tage, ein wiederkehrender Rhythmus zwischen Ankommen und Weitergehen. Ähnlich wie zuvor in Marburg lag auch über Heidelberg etwas, das sich nicht ganz greifen ließ, eine mittelalterliche Schichtung, die mehr war als nur Architektur und die ein leises, anhaltendes Sehnsuchtsgefühl in mir berührte.
Ich ging durch die Gassen, über das unruhige Kopfsteinpflaster, vorbei an kleinen Geschäften und Lokalen, und immer war da diese Nähe zur Universität, ihr alter Geist, der sich nicht aufdrängte und doch spürbar blieb. Man bewegte sich durch die Stadt und hatte bisweilen das Gefühl, nicht allein zu sein, als würde etwas mitschwingen, etwas, das ich rückblickend am ehesten mit der Romantik verbinde. Novalis war mir in dieser Zeit näher als zuvor, ebenso die Bilder aus Des Knaben Wunderhorn, und immer wieder tauchte sie auf, diese blaue Blume, als Symbol für etwas, das sich nicht finden lässt und dennoch gesucht werden will.
Eines Abends waren Mela und ich unterwegs, eine warme Sommernacht lag über der Stadt, und wir gingen ohne Ziel, ließen uns treiben, sprachen über das, was uns beschäftigte, ohne dass es die Leichtigkeit des Moments beschwerte. Zwischen alten Häusern, durch enge Gassen, vorbei an kleinen Läden und Restaurants, an der Universität und auch an jenem alten Karzer, von dem man erzählte, dass selbst dort noch ein Bier möglich gewesen sei, bewegten wir uns eher tastend als gerichtet durch die Nacht.
Es war kein Plan, der uns führte, eher ein Abzweigen, ein beiläufiger Schritt zur Seite, und so betraten wir schließlich durch einen unscheinbaren Zugang den Hof des Kurpfälzischen Museums Heidelberg, nicht durch ein großes Portal, nicht entlang einer Achse, sondern durch einen Hintereingang, fast so, als würde man in eine Ordnung eintreten, die einen nicht erwartet hatte.
Der Hof lag still da, warm, fast leer, und für einen Moment schien es, als hätte sich die Stadt zurückgezogen. Dann öffnete sich eine Tür, und ein grauhaariger Mann mittleren Alters trat heraus, mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, als hätte er uns bereits eine Weile wahrgenommen. Mit einer kleinen Geste lud er uns ein einzutreten, und wir folgten ihm, überrascht, aber ohne zu zögern.
Er führte uns hinunter in das Gebäude, sprach davon, dass wir uns etwas zu trinken nehmen könnten, es gebe auch eine Kleinigkeit zu essen und eine kleine Musikveranstaltung. Alles wirkte offen, beinahe selbstverständlich, und zugleich seltsam leer. Erst später wurde deutlich, dass sich die eigentliche Gesellschaft in einem anderen Raum befand, bei einer Laudatio, während wir gewissermaßen durch einen Nebeneingang in diese Welt geraten waren.
Wir nahmen ein Glas, bewegten uns durch die Räume, sahen Kunstwerke, Spuren kurpfälzischer Geschichte, und in einem hinteren Raum begann eine Jazzband zu spielen, leise, unaufdringlich, fast so, als würde sie den Raum erst vorsichtig eröffnen. Nach und nach füllten sich die Räume, Menschen kamen hinzu, Professoren, Künstler, Interessierte, und ohne dass es einen Bruch gegeben hätte, waren wir Teil dieser Gesellschaft geworden, oder vielleicht hatte sie sich einfach um uns herum geschlossen.
Erst im weiteren Verlauf wurde sichtbar, wer uns dort so selbstverständlich eingelassen hatte: Der Mann hielt eine kurze Ansprache und eröffnete den Abend – er war der Kurator der Veranstaltung.
Es war ein eigenartiger Zustand, eine Intimität, die sich nicht verlor, obwohl man sich längst in einem gesellschaftlichen Rahmen bewegte, ein Dazwischen, das sich nicht ganz erklären ließ. Ich kannte solche Momente, dieses Hineingeraten durch Begegnung, durch ein kurzes Gesehenwerden, durch eine kleine Geste, die mehr öffnet als jede formale Berechtigung. Zugänge, die sich nicht über Titel oder Position erschließen, sondern über etwas, das sich eher im Zwischenraum abspielt.
Während ich mich in dieser Zeit intensiv mit Bindungstheorie, mit analytischer Psychologie und psychodynamischer Diagnostik beschäftigte, also mit der Frage, wie sehr der Mensch durch seine Geschichte geprägt ist, durch frühe Beziehungen, innere Bilder, durch Raum und Zeit, erlebte ich zugleich, wie sich durch solche unscheinbaren Momente neue Bedeutungen bilden konnten, nicht als Gegenentwurf, sondern eher als leise Ergänzung.
Vielleicht liegt darin auch die Verbindung dessen, was mich damals begleitete: Die Romantik sucht den Sinn im Gefühl, in der Sehnsucht, im Unendlichen, während der Existenzialismus, wie ihn Jean-Paul Sartre formuliert, verlangt, dass wir selbst setzen, was gilt. Und irgendwo dazwischen liegt dieser Abend, nicht als These, sondern als Erfahrung, als Fragment, das sich nicht vollständig erklären lässt und gerade darin Bestand hat.
Später, an diesem Wochenende, fand ich in einem kleinen Blumenladen eine Figur, etwa dreißig bis vierzig Zentimeter groß, ich nahm sie mit, und sie steht bis heute in unserem Garten. Vielleicht ist sie nichts weiter als ein kleines Objekt, vielleicht aber auch eine stille Erinnerung an diese Bewegung, an das Suchen nach der blauen Blume und an das Finden von etwas anderem.
Die Blaue Blume
Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.
Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.
Ich wandre schon seit langem,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blume geschaut.
- Eichendorf -
Bild oben : "Skaters Blues" - Collage aus Gartenartefakten- bearbeitet - 2026
Siggi – mein Personal Trainer
Ein ganz besondere Wegweiser
Die Zeit rund um Corona war für viele eine Phase der Veränderung.
Bei mir kam ein Krebsbefund hinzu, eine Operation – eine Phase, die körperlich und innerlich nachwirkte. Vieles wurde leiser, enger, konzentrierter.
Beziehungen gerieten unter Druck, manche sind daran zerbrochen, andere sind gewachsen und haben sich vertieft. Auch für uns war es eine Zeit, in der sich vieles neu sortiert hat. Wir haben uns stärker auf unser Leben im Garten konzentriert, auf unsere Tiere und auf ein ruhigeres Tempo.
Und genau in dieser Zeit kam Siggi zu uns.
Gewünscht, ausgewählt – und am Ende doch auf seine eigene Weise entschieden.
Ein Hund aus einer Tötungsstation in Ungarn, entdeckt über ein Foto. Schwarz-weiß, mit einem ruhigen Blick. Als wir ihn abgeholt haben, hat er sich direkt auf den Rücken gelegt und sich streicheln lassen. Als er dann aufstand, wurde erst klar, wie besonders er ist: genetisch zu einem guten Teil ein Herdenschutzhund, aber mit sehr kurzen Beinen, fast wie ein Corgi. Eine ungewöhnliche Mischung, die ihn auf den ersten Blick „anders“ erscheinen lässt.
Wir haben dieses Andere immer gemocht. Auch bei ihm war es nichts, was erklärt werden musste. Es war einfach Siggi. Die vielen Kommentare von außen – von „tiefergelegt“ bis zu allerlei Einfällen – haben wir irgendwann stehen lassen.
Siggi hat sich Zeit gelassen. Und damit auch uns.
In einer Phase, in der vieles laut war – Meinungen, Einschätzungen, vermeintliche Sicherheiten –, wurde für mich etwas anderes wichtiger: nicht sofort zu urteilen, nicht zu schnell zu reagieren. Dinge stehen zu lassen. Geduld zu entwickeln.
Siggi konnte das von Anfang an. Man könnte sagen, er hat dabei eine erstaunlich solide psychotherapeutische Fachkompetenz entwickelt.
Er ist ruhig, achtsam, fast zurückhaltend. Nimmt Futter vorsichtig, beobachtet viel, entscheidet nicht vorschnell. Gleichzeitig hat er seine Eigenheiten. Er bleibt stehen, wenn er stehen bleiben möchte. Die Rampe ins Auto meidet er bis heute. Dann wird er eben getragen. Gewitter machen ihm Angst, alles andere bringt ihn kaum aus der Ruhe.
Ich bin viel mit ihm gegangen. Lange Strecken, oft ohne Ziel. Diese gemeinsamen Wege haben etwas verändert. Tempo entstand nicht mehr durch Druck, sondern durch Wiederholung und Verlässlichkeit.
So ist er für mich zu einer Art Personal Trainer geworden.
Nicht, weil er antreibt, sondern weil er bremst.
Seine Bindung ist langsam gewachsen. Obwohl die größere fachliche Kompetenz bei Melanie liegt, hat er sich irgendwann an mich orientiert. Ohne klaren Moment, eher als leiser Übergang.
Nebenbei hat er es sogar geschafft, in meinem Kinderbuchentwurf „Siggi in der Patsche“ eine eigene Rolle zu bekommen – vielleicht wird er ja noch berühmt, wir werden sehen.
Heute ist Siggi ein fester Teil unseres Lebens. Unaufgeregt, aber tragend.
Und in vielem ein stiller Lehrer für Geduld, Ruhe und ein genaueres Hinsehen.
Ein wunderbar gelungenes Beispiel für Anderssein.
Bild unten:
Installation: "20.000 Meilen über dem Meer" - 2019 -
Foto: Minneapolis - Wiseman art museum - 1996 -
Agfa Pocket 5000 mit digitaler Ergänzung
Bilder unten:
Rekonstruktion eiens Urlaubes in der Ägäiis 1979
Teil der Urlaubsgeschichte " Unter Piraten "