Foto: "Besuch auf der ISS"  - 2013 -

Vom Fliegen

„Flugräume“ ist kein technischer Begriff, sondern ein weiter Raum, der sich nicht eindeutig festlegen lässt. Er kann offen sein und zugleich eng, geprägt von Erfahrungen, die sich nicht einfach einordnen lassen.

Am Anfang stehen Väter, Männer, die geflogen sind. Offiziere, ausgebildet, dekoriert, funktional. Was sie erlebt haben, entzog sich dieser Ordnung: Abschuss, Angst, Überleben unter Bedingungen, die keine Vorbereitung vollständig auffängt. 

Ihre Rückkehr war kein klarer Übergang, eher ein Weitergehen unter veränderten inneren Voraussetzungen. Anpassungsversuche verliefen häufig über Alkohol,
 Rückzug und Schweigen, nicht als Haltung, sondern als Bewältigung.

Die Folgen blieben selten auf das Individuum begrenzt. Beziehungen wurden instabil, Familien belastet. Das Erlebte wurde kaum benannt, aber weitergegeben, indirekt, über Verhalten, über Spannung, über das, was unausgesprochen blieb.

Parallel dazu zeigt sich eine zweite Linie: eine anhaltende Faszination für das Fliegen. Nicht als Fortsetzung des Krieges, sondern als eigenständiges Interesse an Technik, Form und Bewegung im Raum. Bei meinem Freund in der Verdichtung von zahllosen Flugreisen und dem eigenen Pilotenschein mit ebenso vielen Flugstunden , bei mir im Bauen, Fühlen und Verweben.

Beides steht nebeneinander, Erfahrung und Faszination. Nichts daran wird hier
 glorifiziert. Es geht um das, was war, und um das, was weiterwirkt.
 „Flugräume“ meint den Ort, an dem sich diese Linien begegnen.

Die folgenden Seiten sind als solche Räume zu verstehen. Man kann sie betreten und in eigenem Tempo erkunden. 

Den Anfang macht ein Gedicht.


- Dieses Gedicht ist ein Geschenk von meinem  Freund und Mentor -

 
Erster Alleinflug

Ich kann mich noch an jenen Vormittag seh’n,
in der Frühsommersonne am Hangar steh’n,
nach dem Hochdecker schielen, mir gut bekannt,
der im leichten Wind knarrend am Vorfeld stand.

Und dann hör ich nur leise: „Es ist wohl soweit.“
Also rein in die Kiste, verlier keine Zeit.
Auf dem Rollweg durchs Gras, das im Luftstrom sich biegt,
in die Bahn, die flimmernd vor Augen mir liegt.

Wind in den Streben, ein Rütteln, ein Beben,
und dann dieses eine, entscheidende Heben.
Mit einem Mal schweben.

Ein Blick auf die Spielzeugwelt unten hinaus,
über mir nur die Tiefe des endlosen Blaus.
Eindrehen und neigen und steigen im Reigen,
im sprachlosen Schweigen sich selbst zu verneigen,
sich winzig zu wissen und zugleich so groß,
erhaben und glücklich und schwerelos –
nur ein Augenblick, ein Gedanke bloß.

Beim Abstellen vorm Hangartor dann
kam ich mir vor wie Lindbergh einst – als Mann,
der nach seinem Flug über den Atlantik
noch ganz in sich trug dieses stille Mysterium.

Ich kam seitdem von mancher Reise nach Haus,
doch so stolz wie damals stieg ich nie wieder aus.
Ich kenne Himmelhunde, nicht wenige, zuhauf,
zuhaus in der Luft, abgeklärt bis hinauf,
so abgebrüht und so ausgebufft –
doch keiner, selbst wenn er die Umlaufbahn ruft,
der zurückdenkt und nicht doch leise versteht,
warum ihm dabei ein Glanz in die Augen geht.
Der Wind…

Seit dem Tag hab ich manche Ölspur gelegt,
manch kalte Böe hat mir ins Gesicht gefegt,
Hab Wetter zerpflückt und wurde verzückt.
In muffigen Flugplatzcafés hab ich mich herumgedrückt.

Und doch, bei jedem Streifen am Himmel, im Blau,
bleibt mein Blick daran hängen, ganz leise, genau.

Und jedes Motorgeräusch lässt mich drehen,
als müsste ich noch einmal nach oben sehen.

Und bei jedem Start ist es wieder da,
dieses Kribbeln, so nah, so seltsam klar.
Ganz egal, zum wievielten Mal –
es ist immer auch:
wie beim ersten Mal. 



 

In the heat of the night (Ausschnitt) 


abgeschossen:

In der Hitze der Nacht komme ich zurück. Nicht sanft. Eher, als würde ich in etwas hineingeschoben, das längst läuft. Der Körper ist wach, aber nicht geordnet. 
Alles liegt in diesem blau-schwarzen Licht. Es hat keinen Rand und keinen Halt. 
Nur ein Rhythmus ist da, der durch alles geht. Ein Wachtraum

Motor oder  Klinik Monitor. Ich kann das nicht trennen. Ich liege und sitze zugleich.
Die Hände greifen etwas, das sich anfühlt wie ein Knüppel oder ein Laken.
Feucht. Zu fest. Und sofort ist dieses Wissen da: Rückflug. 
Kein Gedanke dazu. Nur Richtung. Weg von dort. Weiter. 

Der Takt stolpert leicht. Kaum hörbar. Aber er ist da. Ich merke, wie ich ihn nicht ignorieren kann. Alles hängt daran. Ich gehe mit den Augen über Linien, Zahlen, Lichtpunkte. Nichts beruhigt. Dann kommt der erste Schlag. Kurz. Hart. Noch einer. Dann mehrere. Es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob es von außen kommt oder von innen. Beschuss oder ein Körper, der aus dem Gleichmaß fällt. Es hämmert durch alles. 
Ich ziehe. Reagiere. Oder glaube es zumindest. Die Maschine bleibt träge. Oder ich bin es. Hinter mir ein Laut. Abgerissen. Kein Wort.  Nur der Hinweis, dass da noch jemand ist, oder war. 

Der Ton verändert sich. Wird scharf. Setzt sich im Kopf fest. Der Motor verliert seinen Rhythmus. Nichts läuft mehr sauber. Gleichzeitig kippt der Himmel.
 Erst kaum merklich. Dann deutlicher. Das Blau wird schräg. Die Ordnung geht verloren. Ich suche nach etwas, das bleibt. Eine Achse. Eine Linie. Irgendetwas. 

Gedanken kommen und gehen. Nicht als Erinnerung. Eher als kurze Wärme. Nähe. Ohne festen Ort. Ich lasse sie durch. Es hat keinen Sinn, sie zu halten. 
Der Kreisel zieht sich enger. Wird schneller. Oben und unten lösen sich auf. 
Ich ziehe am Knüppel, ohne zu wissen, ob es noch etwas bewirkt. 
In diesem engeren Kreis gibt es einen Moment, der sich absetzt. Klar. Fast ruhig. 
Für einen Augenblick sammelt sich alles. 
Darin steht nur ein Satz: ich will leben. Ohne Pathos. 
Eher eine Feststellung. 

Dann zieht es wieder an. Das Drehen kippt in ein Fallen. Schwerer. Direkter. 
Ich versuche noch einmal gegenzuhalten. Spüre eine minimale Reaktion. Ein Zucken.
Es reicht, um die Drehung zu lösen. Nicht aber den Sturz. Der ist jetzt einfach da. 
Der Boden kommt. Ich sehe ihn nicht. Ich weiß es. 

Der Aufschlag ist kein einzelner Knall. Eher ein Auseinandergehen. Material. Körper. Raum. Alles gleichzeitig. Der Druck nimmt mir die Luft. Für einen Moment ist nichts. Dann kehren die Geräusche zurück. Dumpf. Verzerrt. 
Dazu dieser stechende Geruch. Öl. Rauch. 

Ich löse mich. Oder werde gelöst. Finde Boden unter mir. Etwas Kaltes. Festes. Das reicht, um zu wissen, dass ich noch da bin. Stimmen kommen näher. Hände greifen mich. Ziehen. Stützen. Worte erreichen mich nur bruchstückhaft.
 Das reicht. Sie müssen nicht vollständig sein. 

Der Weg zurück ist kein klarer Übergang. Eher ein Verschieben von Zuständen. Schritte. Licht. Wieder Dunkelheit. Ein enger Raum. Wärme. Schweiß. Dieser andere Geruch, der nichts mit draußen zu tun hat. Ich sitze schließlich irgendwo. Ein Becher in der Hand. Ich trinke, ohne nachzudenken. Es brennt. Gut so. Noch einmal. Der Körper lässt etwas los. Nicht alles. Aber genug, um nicht mehr zu kippen. 

Neben mir ist Nähe. Jemand. Oder einfach Präsenz. Es braucht keine Worte. Alles liegt schon im Körper. Später kommt ein Gedanke. Leise. Vorsichtig. Meine Frau. Kein klares Bild. Eher ein Wissen. Es taucht auf und ebbt wieder ab. Ich halte es nicht fest. 

Mein Vater hat kaum darüber gesprochen. Nur Bruchstücke. Flüge. Abschüsse. Mehr nicht. Und doch ist das hier jetzt da. Nicht als Erinnerung. Eher als Ablauf. Etwas, das sich zeigt, ohne erzählt worden zu sein. Sturz. Aufschlag. Aufstehen. Eine Bewegung, die sich wiederholt, bis sie sitzt. 

Der Motor ist aus. Das merke ich irgendwann. Aber der Rhythmus bleibt. 
Leise. Unter allem. 

Und das Klinikzimmer leuchtet blau.  
                                                                                                                                               Uni Klinik Köln - 2021 -